Eine Caban-Jacke konstruieren und nach Couture-Technik nähen

Hallo zusammen,

 

heute geht es mal wieder um Schnittmuster-Konstruktion, denn ich will mir fürs Fahrradfahren im Herbst/Winter eine Kurzjacke im Caban-Stil nähen. Ich hatte bis vor kurzen eine hüftlange (Kauf-) Wolljacke, die ich immer automatisch gegriffen habe, wenn ich irgendwohin mit dem Rad fahren wollte. So sehr ich (knie-) lange Mäntel liebe, fürs Radfahren finde ich sie nicht so doll. Offen getragen habe immer Sorge, dass der Mantel in die Speichen gerät oder dreckig wird, geschlossen getragen fehlt mir die Beinfreiheit. 

Besagte Jacke war aber schon so alt, dass sie komplett ausgebeult und verzogen war. Ein Ersatz muss her, und um den Druck auf mich etwas zu erhöhen (ich neige zu UFOs, hüstel) habe ich die alte Jacke bereits entsorgt :-)

 

Die Jacke sollte 

  • Eher kurz sein
  • aus nicht allzu warmen Wollstoff, da ich schließlich Rad fahre
  • lieber etwas lockerer, so dass noch was drunter passt

Ich hatte noch einen mitteldicken Wollstoff in dunkelblau im Fundus, der zwar einen Tick zu dünn ist, aber dem Ganzen schon recht nahe kommt. Ich habe meinen eigenhändig für mich konstruierten Sloper schon mehrfach getestet, z.B. für dieses Hemd. Daher brauchte ich keinen richtigen Nesselschnitt, ich finde es immer so schade um den vielen Stoff. Zumal man Schnitte ja sowieso mit Stoffen ausprobieren sollte, die dem finalen Stoff möglichst nahe kommen. Somit hatte ich mich entschlossen, es mit diesem dünneren Stoff zur Probe zu nähen, die Jacke werde ich zwecks mehr Wärme dann noch mit Ice wool füttern. Als kleines Zugeständnis und nach echter Couture-Manier habe ich lieber die Nahtzugaben etwas größer gewählt (2 cm bei den Längsnähten, 1 cm bei den Armausschnitten, 1,5 cm für Schulternähte), so dass ich notfalls noch etwas korrigieren kann. 

 

Bis jetzt läuft es ganz gut, auch wenn ich jetzt schon sagen kann, dass ich final die Jacke noch etwas weiter haben möchte, und vielleicht einen Tick kürzer. Zumindest bei sehr dicken Stoffen finde ich das schöner. Dieses Probemodell wird eher etwas in Richtung warme Blazerjacke, was aber auch etwas Feines ist, denn wie gesagt mangelt es mir an kürzeren Jacken. Aber dann für den richtigen Winter könnte ich mir auch eine Jacke aus dickerem Wollflausch gut vorstellen.

 

Die Konstruktion

Konstruiert habe ich wie immer mit Valentina, basierend auf der Methode von Hofenbitzer. Die Jacke basiert auf einem klassischen Doppelreiher mit aufsteigendem Revers. Ich habe vorne einen knapp 8 cm breiten Über- / Untertritt angelegt. Da die Jacke eher in Richtung Caban gehen soll, hat sie vorne keine Abnäher und kaum Taillierung. Hinten ist der Rücken leicht geformt und mit zwei Schlitzen versehen. Ich habe die Länge erst mal so bei hüftlang gelassen, eventuell nehme ich da aber noch etwas Länge weg.

Wer gerne etwas mehr über Schnittmusterkonstruktion mit Valentina wissen will, der findet hier eine Einführung, außerdem ist die Einführung in Valentina Maßtabellen jetzt hier zu finden.

Die Technik

Was die Verarbeitung anbelangt folge ich der Technik von Thomas von Nordheim ("Vintage couture techniques"). Ich habe wie beschrieben zunächst Vorder- Rücken- und Seitenteile zugeschnitten und geformt, außerdem habe ich eine leichte Rosshaareinlage vorbereitet.

Das Dressieren

Unter Dressieren versteht man das unter Hitze Formen der Schnittteile. Im Falle dieser Jacke bedeutet das, den Brust- und Schulterbereich etwas zu dehnen, um mehr Weite zu erhalten. Die dadurch entstandene Mehrweite wird Richtung Armausschnitt wieder eingehalten, wobei ich das Einhalten deutlich kniffliger finde als das Dehnen. Beim Dehnen zieht man mit der einen Hand und bügelt ohne viel Druck und ohne Dampf. Beim Einhalten muss der Stoff zusammengeschoben werden, was mit einer Hand deutlich schwieriger ist als zu ziehen. Aber auch hier gilt sicherlich, dass nur Übung den Meister macht....

 

Bei Jacken mit viel Taille wird außerdem auch die Taille gedehnt, das habe ich nur sehr minimal gemacht, gerade so, dass die Teile an der Naht schön aneinanderpassen.

Für eine schöne Schulterpartie sollte man die vordere Schulterpartie auch noch dehnen und die hintere Schulterpartie einhalten. Meine Jacke hat zusätzlich für einen guten Sitz noch Schulterabnäher hinten.

 

Die Abnäher

Generell sollte man die Abnäher ausbalancieren, damit keine unschöne Welle entsteht. Das ist besonders bei dickeren Stoffen wichtig. Ausbalancieren bedeutet, dass man einen schräg zugeschnittenen Stoff unter den Abnäher legt und diesen beim Nähen mitfasst. Zur Spitze hin schneidet man den Streifen dann ein und bügelt den Abnäher zur einen, den Schrägstreifen zu anderen Seite. Bei dickeren Stoffen sollte man den Streifen aus dem Oberstoff zuschneiden. 

Bei meinem dunklen Stoff lässt sich das nur schwer fotografieren, aber ich mache dazu nochmal ein separates Tutorial. In diesem Beispiel wurde der Abnäher nach links (im Foto oben), der Streifen nach rechts (im Foto unten) gebügelt. Beidseitig von der Naht befindet sich also eine doppelte Lage Stoff, unterhalb der Spitze nur eine einfache Lage Stoff. Dadurch sieht der Abnäher von vorne symmetrisch aus, außerdem liegt der Abnäher flacher als bei der Methode, den Abnäher einzuschneiden. Dort bildet sich im Bereich der Spitze besonders bei dicken Stoffen gerne mal ein unschöner Hubbel.

 

In Zukunft findet Ihr die Tutorials übrigens nicht mehr unter Blog, sondern als eigenen Seite unter dem Reiter Tutorial. Alte Tutorial-Artikel werde ich nach und nach umziehen.

 

Die Einlage

Ich habe für die Vorderseite eine leichte Rosshaareinlage zugeschnitten und zusätzlich aus dem gleichen Material noch ein Brustteil, welches ich unter die vordere Einlage pikiert habe. Dadurch bekommt die Jacke Stand, ist aber dennoch flexibel.

Pikieren sollte man die Einlage auf einem Schneiderschinken, damit auch die Einlage gerundet wird und den Körperformen folgt. Wer keinen Schneiderschinken hat: Büdde schön! Ihr könnt das Valentina-Schnittmuster für einen solchen Schneiderschinken bei mir kaufen: Hier.

Die Einlage hat jetzt im Brustbereich eine schöne Wölbung, innen (Richtung Körper) ist die Kante des Brustteils mit einem Band abgedeckt, damit nichts durch das Futter piekst, denn das Rosshaar ist ganz schön störrisch. Hier habe ich einen kleinen Fehler gemacht, ich habe irgendwie nicht aufgepasst und schon das Band verwendet, welches eigentlich erst zur Kantenverstärkung des Kragens im nächsten Schritt verwendet wir. Zur Abdeckung der hier abgebildeten Rundung nimmt man am besten ungefalztes Schrägband und näht es einfach mit einem Hexenstich fest, so kann man gut der Rundung folgen. Da mein Oberstoff aber dick genug und flauschig ist, ist es ok so, wie es ist. Bei dünnerem Oberstoff sollte man hier besser dünnes Schrägband nehmen.

 

Nun muss ich die Einlage auf den Oberstoff heften und den Kragenbereich pikieren. Weiter geht es dann anschließend mit der Einlage am Saum sowie der Lage aus Ice wool.

Euch noch einen schönen Rest-Sonntag!

 

Eure Anne Sophie

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

 Heyy Oskar

 Email: info(at)heyyoskar.com


 

 Quelle Youtube icon: icon8