· 

Fortsetzung: Eine Schneiderpuppe nach eigenen Maßen

Teil 1: Zuschnitt und Einlage (26.5.2022)

Enthält unbezahlte, unbeauftragte Werbung durch Markennennung. Alle Materialien, inklusive Schnittmuster, habe ich selber bezahlt.

 

Ich wollte ja schon seit einiger Zeit eine Schneiderpuppe in meinem Nähzimmer, genau genaugenommen ist das ein Thema, dass ich nun schon ein paar Jahre  mit mir herumtrage. Bisher hatte mich keine Option so richtig überzeugt, weswegen ich letztlich dann doch immer Abstand genommen habe. Dies sind meine Anforderungen:

  1. Sie sollte zumindest grob an meine Maße angepasst sein. Dabei sind vor allem meine eher geringe Körpergröße, die schmalen Schultern und der variable :-) Speck an der Taille entscheidend. Es muss nicht unbedingt ein 100%er Klon sein, denn meine Figur ist ansonsten recht nah an den Konfektionsgrößen dran. Bei größeren Abweichungen, insbesondere Asymmetrien, wäre es sicherlich wichtiger, eine genauere Nachbildung zu machen, sonst bringt das Ganze ja nix. Aber das liegt bei mir nicht vor, es geht mir also erst mal um den Umfang etc.
  2. Sie sollte nicht allzu hässlich sein. Ein Punkt, der jetzt noch wichtiger geworden ist, denn ich bin fast zu 100% im Homeoffice, und mein Nähzimmer ist auch das Arbeits- und Gästezimmer. Ich verbringe hier also viel Zeit, und bin nun mal eine Ästhetin :-) Im Ernst, wenn das hier nur das Nähzimmer wäre, wäre der Punkt nicht so wichtig, ich mag aber nicht dauernd auf Plastik und hässlichen Stoff schauen.
  3. Sie sollte Rollen haben.
  4. Sie sollte nicht allzu teuer sein.
  5. Es sollte möglich sein, Stecknadeln rein zu stechen. Der Punkt ist mir sehr wichtig.

So, wegen Punkt 1, 2 und 4 kam eigentlich nur selber machen in Frage.  Ich würde ja auch kaufen, aber so richtig begeistert waren die Berichte, die ich gelesen habe, nicht, und ich gebe nicht gerne Geld für nur so lala aus.

Ich wollte erst die Methode von Hofenbitzer ausprobieren, aber der Nachteil von so einem Klon ist ja, dass er die eigene Figur 100% abbildet und dann keinen Spielraum mehr lässt. Die Prozedur ist recht aufwändig, und dann ist nach einmal Weihnachten alles umsonst :-) neee. Außerdem war ich mir nicht sicher, wie gut sich dann am Ende Nadeln reinstecken lassen. 

 

Die Stoffpuppe kann man mehr oder weniger stopfen, dadurch dehnt sie sich. Und enger machen kann man sie logischerweise auch, natürlich muss man sie dazu wieder öffnen.  Sie hat zwar unten Reißverschlüsse, allerdings sieht die Anleitung von, das Rohr fest mit der Bodenplatte aus Pappe zu verbinden. Dadurch wird nachträgliches Ändern mühsam, ich denke auch nicht, dass eine Platte aus Pappe das öfters als einmal mitmacht. Das lohnt nur bei größeren Gewichtsschwankungen. Daher habe ich auch noch ein paar Modifikationen vor, die das etwas erleichtern sollen.

 

Die genähte Puppe hat auch noch den Vorteil, dass es ein echtes Reste-Verwertungsprojekt ist. Das Schnittmuster kann man sich hier an seine Maße anpassen lassen und bestellen. Es gibt sie in den Größen 2-28, also europäische 32-8XL. Man kann die Puppe basierend auf Konfektionsgrößen kaufen, oder basierend auf den eigenen Maßen.  Achtung, es gibt zwei Tabs mit Parametern zum Anpassen, ich habe den zweiten Tab erst übersehen!

 

Ich habe dazu grobes Leinen aus meinem Bestand genommen. Das war ursprünglich für die Malerei gedacht, aber es eignete sich von der Stärke perfekt.  Leider ist das Stück bei Waschen ordentlich eingelaufen, so dass ich die Schnittteile nochmal an der Taille quer zerschnitten habe, damit es reicht. Da ich nun sowieso zerteilte Teile habe, werde ich in die Quernaht der Taille zur visuellen Markierung eine Paspel einfügen. Die Anleitung sieht vor, die Querlinien mit Zickzackstich zu markieren. Ich habe jetzt aber keinen Zickzackstich mehr, siehe hier  :-)

 

Ich werde aus der Not eine Tugend machen und in die Paspel einen Draht/eine feste Schnur einziehen. Das gibt zusätzlich Stabilität, denn auf manchen Bildern scheint die Gute ein wenig in sich zusammenzusacken :-)

Ich denke auch darüber nach, ob ich ihr noch ein paar Korsagen-Stäbchen spendieren soll, die ich hier noch liegen habe. Die habe ich mal aus einem Kleid herausgefriemelt, seitdem warten sie auf ihren Einsatz.

 

Die Schnitteile sind dadurch recht klein, man kommt also mit sehr wenig Stoff aus und könnte auch patchworken, das sähe bestimmt auch lustig aus. Alle Teile habe ich mit Bügeleinlage verstärkt.  Das wird jetzt auch das erste Projekt mit meiner neuen Maschine, ich freu mich schon drauf!  

Bis ich mit meiner Doppelgängerin fertig bin, wird es noch eine Weile dauern. Außerdem braucht sie ja auch noch ein Innenleben.

The world is not enough, but it is such a perfect place to start, my love,... lalala  :-)

 

 

Ich werde sie mit Stoffschnipseln füllen und vielleicht noch Kleintier-Streu aus Holz. Mann, ich bin froh, dass jetzt mein Korb mit Stoffresten schon ordentlich dezimiert ist. 

Man braucht recht viel, dadurch geht einiges weg, wie toll! Ich brauche eh mehr Stauraum in meiner Werkstatt.

 

Das ist definitiv eine Beschäftigung fürs Binge-Watchen. Vieleicht Edward mit den Scherenhänden?

 

Viele Grüße,

 

Eure zwei  Anne Sophies

 

 

Teil 2: Äußere Hülle (4.6.2022)

Meine Puppe nimmt Formen an, wenn auch mit einigen Hindernissen, die aber ganz und gar mir selber zuzuschreiben sind.

 

Hier seht ihr einen schon recht vielversprechenden Zwischenstand. Ich wollte nun mit den Seitennähten und mit dem Einfügen der Paspel weitermachen, dann ist mir jedoch noch rechtzeitig eingefallen, dass ich leider die sorgsam abgesteppten Nahtzugaben der Mittelnähte wieder aufmachen muss, da dort später die Innenkonstruktion festgenäht wird. Hggrmpfff, Nähte trennen bei so festem, rauem Stoff, wo man die Naht nicht sieht, ist echt kein Spaß.

 

 

Die Paspel einzuarbeiten verlief wider erwarten glatt. Ich habe vorsichtshalber die Paspel erst nur am Unterteil festgesteppt, da ich mir wegen der Steifheit des Stoffs und der vielen Teilungsnähte Sorgen gemacht habe. Völlig unnötigerweise, die alte Maschine surrt einfach über 6 Lagen Stoff plus Einlage drüber, als wäre nix. Ich musste lediglich den Fußdruck etwas erhöhen.

 

Dabei geholfen hat auch dieser Nähfuß, den ich in einem Konvolut gefunden habe. Er ist dicker als der übliche Paspelfuß und liefert damit mehr Platz für die Paspel. Ich bilde mir auch ein, dass der Druck dadurch größer ist.

Jetzt steht, nachdem ich die oben genannten Hindernissen beseitigt habe, die äußere Hülle. Die Nahtzugaben sind flachgesteppt, und Stäbchen an der Seite hat sie auch bekommen. Nur vorne sackt sie etwas unvorteilhaft :-) zusammen, das liegt aber wie gesagt an den noch fehlenden Absteppungen der Mittelnähte.

 

Im nächsten Schritt muss ich nun die Innenkonstruktion fertig machen. Sie bekommt in der Mitte einen Schlauch, in dem sich dann später ein Rohr und die Stange eines Garderobenständers befinden wird.

 

An diesem Schlauch werden vorne und hinten so "Flügel" festgenäht, diese wiederum werden an den Nahtzugeben der Mittelnäht festgesteppt.

 

Innen ist die Puppe also in zwei Hohlräume, links und rechts, geteilt. Das dient vermutlich der Stabilität, und dem gleichmäßigen Stopfen. Aber so weit bin ich noch nicht.

 

Fürs Innenleben muss ich einen anderen Stoff verwenden, das ist aber auch sowieso so empfohlen. Ich habe einen Rest Twill dafür vorgesehen.

 

Ich werde übrigens kein  Rohr aus Plastik verwenden, sondern eins aus Pappe. Das wird auch das einzige Teil sein, was ich neu kaufen muss. Halt, nein, ich habe noch zwei Reißverschluss-Schieber gekauft, damit ich einen herausgetrennten Bettwäsche-Reissverschluss für die Puppe verwenden kann. 

 

Ich habe außerdem noch ein paar weitere Modifikationen vor. Die Bodenplatte habe ich aus Sperrholz zugesägt, anstatt sie aus Pappe zuzuschneiden.

Auch will ich die Stange bis in den Hals reichen lassen, damit ich oben eine Kugel oder so draufsetzen kann. Damit das geht, werde ich auch die Platte für den Hals aus Laubholz sägen. Das wird dann die einzige Stelle sein, wo man nicht mit Stecknadeln reinstechen kann, aber das ist ok.    

Euch allen wünsche ich geruhsame oder auch aktive, kreative, aber auf jeden Fall schöne Pfingsten!

 

Viele Grüße,

 

Eure Anne Sophie

 

 

Teil 3: Das Innenleben nähen und die Puppe füllen

Soo, jetzt geht es hiermit endlich auf die Zielgerade, nach einigem Gefluche. Einige Fehler habe ich nur mir zuzuschreiben, weil ich "schnell mal hier etwas ändere", was dann aber nicht komplett durchdacht war, siehe Teil 2, und so ging es auch weiter... Aber der Reihe nach.

 

Ich wollte die Puppe auf einem Bugholz-Garderobenständer setzen, und den gedrechselten Abschluss oben aufschrauben, um das ganze zu befestigen. Die Originalanleitung sieht das nicht vor, dort reicht der Stofftunnel und die Pappröhre nur bis zum Hals. Der Hals selber wird nur mit einem Schwamm ausgestopft, die Puppe steckt also lose auf der Stange. Das wollte ich so nicht, aus zwei Gründen:

1. Der besagte gedrechselte Abschluss muss ja in die Stange geschraubt werden, also muss die Stange auch bis in den Hals reichen.

2. Meine Puppe wird definitiv schwerer dadurch, dass ich Stoffreste und Baumwollvlies zum Stopfen nehme, also wollte ich nicht, dass die Puppe einfach nur "drüberhängt", mit dem ganzen Gewicht.

 

Ein passender Garderobenständer war schnell gebraucht gefunden, jedoch war es schwierig, eine Pappröhre für das "Rückgrad" aufzutreiben. Die Röhren waren entweder zu dick oder viel zu dünn. Sie muss über die Garderobenstange passen, aber darf auch nicht zu viel Spiel haben. Wie es der Zufall so will, hatte meine Mutter genau die passende Röhre herumstehen. Manchmal muss man eben Glück haben!

 

Der Stofftunnel ist einfach ein Schlauch, in den ganz knapp die Pappröhre passt. An den Schlauch wird außen zwei flügelähnliche Teile angenäht, die wiederum auf die Nahtzugaben der vorderen und hinteren Mitte genäht werden. Die Puppe ist innen also dorsoventral (* angeb *) geteilt. Dadurch hat sie sozusagen eine Mittelwand von vorne nach hinten. Es entstehen zwei Kammern, die separat befüllt werden. Ohne diese Wand wäre die Puppe nicht flach, sondern gleichmäßig rund. Anders gesagt, diese Mittelwand sorgt dafür, das der Querschnitt oval ist und nicht kreisrund. Clever gemacht!

 

 

Ich habe natürlich prompt vergessen, den inneren Tunnel länger zuzuschneiden, denn er musste ja nun bis in den Hals reichen. Bzw., ich habe noch gedacht: "Du darfst später nicht vergessen, den Tunnel länger zuzuschneiden...", und weg war der Gedanke :-)

 

Macht ja nix, das kann man ja anstückeln....

 

So sieht das dann aus. Die Abschlussplatte oben habe ich nicht aus Pappe, wie vorgesehen, zugeschnitten, sondern aus Laubholz zugesägt. Ein Loch in der Mitte habe ich auch gebohrt, für die Schraube später. Den Stofftunnel (in gelb) habe ich oben in Fransen geschnitten und diese von unten an die Abschlussplatte getackert. Dann habe ich die Platte noch mit ein paar Lagen Filz belegt und diese von oben an die Platte getackert, nahe am Mittelloch.

 

Im Nachhinein empfehle ich, die Platte etwas knapper zuzusägen als die Schablone. Durch den Filz wird das Ganze etwas breiter, wodurch sich bei meiner Puppe ein minimaler, wenn auch sichtbarer Wulst gebildet hat. Aber das ist zu verschmerzen und ein rein ästhetisches Manko.

 

Hier seht ihr übrigens auch die Armansätze. Dort wird zur Verstärkung eine "Tasche" genäht, in die eine Pappe von der gleichen Form wie der Armansatz eingefügt wird. Der Futterstoff (gelb) wird ringsum einfach von Hand auf der Nahtzugabe angenäht und die Öffnung anschließend geschlossen. Den Teil hatte ich prompt vergessen und schon mit Stopfen angefangen, als es mir auffiel. Also nochmal alles raus. Deswegen sieht die Puppe innen auch schon so verfusselt aus, ich brauche Euch wohl nicht zu erzählen, wie die Wohnung aussah...

 

Schneiderpuppe genäht

Und das ist die Puppe, zur Hälfte gestopft. Mir gehen tatsächlich langsam die Stoffreste aus, man glaubt es nicht! Aber sie nimmt schon gut Form an. Es fehlt aber noch ziemlich genau die Hälfte an Füllung.

Das ist aber ganz gut, denn ich will eigentlich endlich mal wieder Kleidung nähen, nachdem ich mich zuletzt mehr mit der Puppe sowie der Reparatur von Nähmaschinen verbracht habe.  Stoffreste, yeah! 

 

Insgesamt bin ich jetzt sehr zufrieden. Man sollte sich bei jeder Schicht Füllung die Mühe machen, diese gut zu verteilen und Ausstülpungen, wie Hals, Schulter, Brust bekommt man nachträglich nicht mehr gut ausgestopft, wenn schon mehrere Lagen Füllmaterial drin sind. Auch ist es gut, zwischendurch eine Nacht Pause vom Stopfen zu machen. Manche Falten glätten sich bei ausreichender Spannung von alleine, da muss man nicht mehr nachstopfen. Zu viel Füllung kann unschöne Orangenhaut machen, nicht nur bei uns Menschen :-)

Auch ist die Puppe zu beneiden, da sie von mir immer mal wieder eine ausgiebige Massage bekommen hat, um solche Dellen zu beseitigen und die Füllung gleichmäßig zu verteilen.

 

Aber so langsam wird es was, ich bin wirklich aufs finale Ergebnis gespannt. Allerdings muss ich mir noch etwas ausdenken, im sie an der Stange zu befestigen, denn ich fürchte, das Gewicht ist zu hoch, als dass die Halsnaht es alleine tragen könnte. Aber dazu habe ich schon eine Idee, mal sehen.  

 

Die Brüste habe ich übrigens von innen wattiert, damit sie nicht zusammenfallen, sollte die Füllung dank Schwerkraft nach unten rutschen :-)

Ich freue mich also darauf, bald beim Nähen von Kleidungsstücken mehr Schnipsel zu produzieren, und ihr dürft Euch darauf freuen, bald mal ein paar meiner Eigenentwürfe zu sehen, ich habe nämlich angefangen, selber Schnitte zu entwickeln, aber warum, darüber berichte ich ein anderes mal.

 

Viele Grüße und genießt den Sommer!

 

Eure Anne Sophie

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Twill & Heftstich (Freitag, 27 Mai 2022 10:39)

    Tolles Projekt, bei dem ich Dir gern über die Schulter schaue! Ich habe auch lange gesucht, bis ich eine akzeptable Puppe gefunden habe, vor allem wegen Punkt 2). Mit einer aus Leinen kann sie aber nicht mithalten. Bin gespannt, wie es weitergeht. Liebe Grüße Manuela