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Wie geht eigentlich... Nadelspitze?

Nadelspitze

Hallo zusammen, bei den vorletzten Stoffspielereien habe ich ja meinen Nachtfalter aus Nadelspitze vorgestellt, und Ihr habt Euch sehr für diese alte Technik interessiert. Vielen Dank an dieser Stelle für die netten Kommentare, ich habe es leider nicht geschafft, einzeln darauf zu antworten. Deshalb hier jetzt einen Beitrag, in dem ich hoffentlich alle Eure Fragen beantworten kann.

 

Vor Jahren habe ich mal ein Nachdruck eines alten Handarbeitsbuchs gekauft ("Illustrierte historische Handarbeiten" von Mizi Donner), eigentlich mehr so aus Neugier, denn das Buch war in gotischer Schrift und behandelte viele Techniken, die ich damals als "viel zu kompliziert/aufwändig" abgetan habe. 

Aber wie das so ist, man wächst mit seinen Aufgaben :-) Kürzlich ist dann noch ein weiteres Buch dazugekommen, und zwar die "Encyklopædie der weiblichen Handarbeiten" von Térèse de Dillmont. Beide Bücher ergänzen sich gut, auch wenn manches redundant ist. Ich vermute, dass sich Mizi Donner sehr von Mdme de Dillmont hat inspirieren lassen ;-)

 

Und als ich kürzlich die Irische Häkelei für mich entdeckt habe, rückte auch der Rest aus der Kategorie "Spitze" wieder in meinen Fokus.  Letzen Sommer bin ich nochmal mit der Nase darauf gestoßen worden, als ich mir die zu dem Zeitpunkt aktuelle Kollektionen der Luxus-Häuser wie Loro Piana, Brunello Cucinelli und Bottega Veneta angeschaut habe. "Craft-Core" ist ja derzeit schwer in Mode, also alles, was Häkelelemente, Stickereien, usw. trägt. Bei Loro Piana fiel mir eine Bluse für schlappe 12500 Euro aus Seide auf, die mit handgearbeiteter Puncetto Valsesiano-Spitze verziert ist, was laut dem Hersteller 312 Stunden Arbeit bedeutet. Bei Brunello Cucinelli gab es einen Makramee-Cardigan zu bewundern, der ebenfalls "nur" 13500 Euro kostet :-)

 

Nicht jede Spitzentechnik reizt mich gleichermaßen, was in der Arbeitsweise/Vorgehen bei der jeweiligen Spitzen-Technik begründet liegt. Ich bin nicht der Typ für sehr regelmäßige Muster, ich mag es, freier bei der Gestaltung arbeiten zu können (das heißt nämlich nicht, dass man für ein schönes Endergebnis nicht auf regelmäßige Ausführung achten sollte. Sondern lediglich, dass das Motiv nicht schon vorab komplett festgelegt ist).  Bei manchen Techniken ist dies möglich, bei anderen (eher) nicht. Deshalb dazu also erst mal eine kurze Übersicht.

 

Das englische Wort "Lace" stammt vom Wort "Las" für Schlinge ab (daher auch Lasso), wohingegen sich das deutsch Wort "Spitze" auf die oft zackenförmige Abschlusskante von dekorativer Spitze bezieht. Als Spitze werden also alle Stoffe bezeichnet, bei denen Schlingen aus Fäden einen offenen Bereich umgrenzt und dadurch ein Muster bildet. 

 

 

Spitze kann auf ganz verschiedene Weise hergestellt werden. Zu nennen wäre da:

  • Häkelspitze
  • Strickspitze bzw. Kunststricken
  • Netz- und Filetarbeiten
  • Tüllspitze (kann man auch zu den Netzarbeiten zählen)
  • Flechtspitze, Klöppeln
  • Geknüpfte Spitze, Makramee und Occhi
  • Nadelspitze
  • Stickspitze, Ätzspitze
  • Durchbrucharbeiten und Lochspitze (z.B. Madeira-Spitze)

 

Uff, ganz schön viel, und dann gibt es ja auch noch Kombinationen aus verschiedenen Techniken, z.B. die Rumänische Spitze, bei der Häkeln mit Nadelspitze kombiniert wird, und außerdem Einflüsse von Makramee aufzeigt. Eine Übersicht über verschiedene Europäische  Spitzenarten ist hier zu finden. Weitere historische Spitze kann man hier bewundern: Chats on old lace and Needlework by Emily Lowes.

 

Grob einteilen kann man diese Techniken darüber,

  • ob zuerst das Netz entsteht und dann die Elemente aufgestickt/appliziert werden (Tüllspitze, Filetarbeit, bestimmte Durchbrucharbeiten), oder
  • ob die Elemente zuerst gefertigt werden und dann durch ein Netz verbunden werden (irische Häkel- oder Bandspitze, Nadelspitze).
  • Und dann gibt es noch die Gruppe, bei der beides irgendwie gleichzeitig entsteht (Makramee, Klöppeln, Strickspitze, Filethäkeln).

Wie gesagt, nicht jede Spitzentechnik ist mein Ding, manches ist mir auch zu mühsam/anstrengend. Aber Nadelspitze und irische Häkelspitze finde ich richtig gut, das macht Spaß und lässt viel Raum zum Gestalten.

Mir gefällt es besser wenn ich zuerst die Elemente herausarbeite, und dann diese verbinde, weil ich dabei viel freier in der Gestaltung bin. Techniken, die auf einem vorgegebenen Netz basieren, sind nicht so meins. Außerdem bin ich kein großer Freund von sehr "stringenten" Techniken, das können Maschinen besser als ich. Damit meine ich z.B. Strickspitze oder auch Flechtspitze: Macht man dabei einen Fehler, so fällt das sehr auf, und möglicherweise kommt man dann gar nicht mehr weiter, weil jede Reihe/Arbeitsschritt auf den vorherigen aufbaut. Diese Arbeiten leben von der extremen Regelmäßigkeit und Musterwiederholungen, was nicht mein Stil ist. Außerdem erfordert das sehr hohe Konzentration. Ich mag es lieber, wenn die Technik eine freie Gestaltung erlaubt, und nur begrenzt kompliziert in der Ausführung ist. 

 

Neben der Irischen Häkelspitze gefällt mir Nadelspitze daher besonders gut, insbesondere die ausdrucksstarke Point de Venise. Auch die Rumänische Häkelspitze steht noch auf meiner Liste zum Ausprobieren. 

Interessanterweise ist Nadelspitze  nicht so schwierig, wie ich früher dachte, und man kommt auch "recht" zügig voran. In Anführungszeichen, denn "schnell" würde ich es jetzt nicht nennen, das hängt natürlich auch von der Garnstärke ab. Aber es ist sehr abwechslungsreich und aufgrund der Flächen, die man füllt, auch zufriedenstellend, da man einen Fortschritt deutlich sehen kann. 

 

Und wie geht das jetzt nun?

So:

 

 

Das Motiv

Dazu habe ich ein Foto mit Bleistift abgezeichnet und dann mit Tusche den Entwurf gefertigt.  Das Motiv sollte idealerweise eine Struktur mitbringen, z.B. wie hier Fischschuppen, oder auch Blattadern, Streifen, etc. Auch ist es schön, wenn die Motive verschiedenen Helligkeitsstufen haben. Die Profis aus Alençon zeichnen die Motive zuerst mit weißem Stift auf schwarzem Papier, damit man es sich besser vorstellen kann. Ich nehme gerne Tusche, weil man da auch nur die Schraffur zum Schattieren verwenden kann, das ähnelt der späteren Ausführung mit Nadel und Faden, wie ich finde.

 

Die Zeichnung habe ich abfotografiert. Dadurch konnte ich das Motiv am Computer verkleinern, in verschiedenen Größen auf einen Bogen drucken und dann die passende Größe auswählen. Ich bin definitiv jemand, der eher groß zeichnet, und verkleinern geht immer.

 

Außerdem kann man so das Motiv mehrfach verwenden. Wenn man sich das Tusche-Zeichnen sparen möchte, kann man auch Inscape verwenden, um die Zeichnung in eine "Tuschezeichnung" zu verwandeln. Letztlich kommt es nur darauf an, dass die Umrisse klar erkennbar sind, und dass man weiß, was welche Fläche dichter gefüllt werden soll, und welche lockerer.

 

Die Vorbereitung

Benötigtes Material:

  • Reststoff 4x so groß wie das fertige Motiv bzw. etwas größer, am besten Leinen oder festere BW
  • feines (Häkel- oder Klöppel-Garn in zwei Stärken (oder nur ein sehr feines, das doppelt oder dreifach genommen wird). Ich habe Garn der Stärke 50 und 80 verwendet.
  • feste Plastikfolie (ich habe alte Dokumentenhüllen genommen) oder alternativ selbstklebende Bucheinbindefolie
  • Motiv, auf Papier gedruckt oder gezeichnet
  • eine spitze Nähnadel und eine feine stumpfe Sticknadel.

 

Man nehme ein beliebiges Motiv, am besten eines mit distinkten Flächen und interessanter Struktur. Dieses wird auf Papier gedruckt und dann mit der Folie abgedeckt. Ich habe alte Dokumentenhüllen verwendet. Das Ganze wird dann auf ein zwei mal gefaltetes Stück Stoff geheftet. Das Falten ist wichtig, damit man später zwischen den Stofflagen das Nähgarn durchschneiden kann, mit dem das Motiv auf dem Stoff provisorisch befestigt ist.

Manche verwenden auch selbstklebende Bucheinbindefolie, dann muss man die Lagen nicht heften. Das Motiv muss dann allerdings kleiner sein als der Stoff und die Folie. 

Übrigens ist ein Satin wie hier gezeigt NICHT die beste Wahl, weil Satin leicht ausfranst. Dann bleibt man mit dem Arbeitsfaden gerne mal dran hängen. Besser ist ein fester Twill oder so etwas. 

 

 

 

Die Technik

Nun legt man die Umrisse des Motivs mit dem dickeren Garn oder 2-3 Fäden des dünneren Garns, und näht diese mit Überwendstichen an geeigneten Stellen fest. (Alternativ kann man auch erst die Stiche quer zur gezeichneten Umrisslinie setzen, und dann die Fäden mit einer Stopfnadel drunter durch ziehen. Das kann bei sehr geometrischen Motiven vorteilhafter sein).

Nun kann man mit einem Faden der feinen Stärke anfangen, die Flächen mit einem Netz zu füllen. Dafür wechselt man auf eine stumpfe Nadel, denn man sticht jetzt NICHT mehr durch den Stoff, nur noch unter den Umrissfäden durch/drum herum. Deswegen hat man die Folie auf das Motiv gelegt, es schützt das Papier.

 

Die verschiedenen Netzstiche sind meistens eine Kombination von haben Schlägen bzw. Langettenstichen, seltener Knoten. Der dichteste Stich ist der Langettenstich mit Einlegefaden, der nur in der Hinreihe um den Einlegefaden gearbeitet wird. Etwas lockerer ist der Langettenstich, der in Hin- und Rückreihen gearbeitet wird, und so ein Netz bildet. Man kann den Stich entweder gleichmäßig oder mit Lochmuster, einfach oder doppelt um sich selbst gewunden, und und und arbeiten. Außerdem kann man auch noch Spannfäden, Umwicklungen und Knoten (Picots) verwenden, um verschiedene Muster zu bilden. In den oben genannten Büchern findet man verschiedene Variationen. Fadenenden und -Anfänge werden dabei direkt beim Arbeiten um die Umriss-Faden gewickelt und mit umknotet.

 

Wenn man fertig mit den Flächen ist, bedeckt man die Umriss-Fäden noch mit Langetten-Stichen oder umwickelt sie. 

Nun kann man das Motiv von der Unterlage lösen und dämpfen. Mehrere solcher Motive können auch zu einem großen Stück Spitze zusammengefügt werden.

Im Fall von Venezianischer Spitze werden außerdem mehrere Lagen übereinander gearbeitet, so dass ein 3D-Effekt entsteht.

 

welcher Stich für welche Fläche?

Das ist natürlich wie bei jeder Gestaltung auch eine Geschmackssache, aber folgende Erfahrung habe ich gemacht: Zunächst kann man Stiche nach der "Dichte" auswählen. Stiche mit mehr "Löchern" = Leerraum sind transparenter als sehr dichte Stiche. Es sieht schön aus, wenn man mindestens zwei Sticharten verwendet. 

Allerdings kann das bei sehr kleinen Motiven knifflig sein, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche lockeren Stiche besser wirken, wenn die Fläche größer und gleichmäßiger im Umriss ist. Bei der hier gezeigten Qualle habe ich eine Art Schachbrett-Stich gewählt, das würde ich jetzt nicht mehr so machen, da die Fläche zu schmal ist. Das Muster kann sich nicht richtig entfalten, es wirkt auf dieser kleinen Fläche nicht. Beim Fisch finde ich das Verhältnis von sehr locker über locker bis sehr dicht schon deutlich ausgewogener. Das ist, wie so vieles, eine Schulung des Auges. 

Außerdem ist es so, dass Flächen durch das abschließende Umrunden mit Langettenstich nochmal kleiner werden, das habe ich zu Beginn nicht berücksichtigt. Das kann man hier an der inneren Flosse gut sehen, oder auch hier bei der Zitrone. Die Fischflosse würde ich daher jetzt, wenn ich sie nochmal machen würde, etwas weiter außen umrunden, so das im Endeffekt die Fläche so wie bei der Zeichnung wird. Die Zitrone würde ich entweder größer machen, oder aber die Zwischenräume zwischen den Spalten weniger dicht füllen. 

Zusammenfassend kann man sagen, das größere Motive deutlich mehr Varianz bei der Stichwahl vertragen als kleine Motive, und dass es wichtig für die Wirkung ist, dass genügend transparente Flächen als Kontrast zu dichteren Stellen stehen. Gut gelungen ist das, wie ich finde, bei der Blüte. 

Welches Garn sollte man nehmen?

Ich habe verschiedene Garntypen und -Stärken ausprobiert.

Der Fisch ist mit 10 (Umrisse) und 40 (Füllung) mercerisiertem/gasiertem Häkelgarn gearbeitet. Die Zitronenscheibe ist ebenfalls aus mercerisiertem, aber dünnerem Garn gearbeitet. Die Qualle ist mit einem Vintage-Spitzengarn aus Tschechien in Stärke 40 bzw. 80 gearbeitet, m.M.n. ist dieses Garn nicht oder nur wenig mercerisiert. Der Nachfalter ist ebenfalls aus diesem Garn gearbeitet.

 

Der mercerisierte Faden lässt sich leichter verarbeiten, aber steht auch stärker unter Spannung. Dadurch lässt sich das Motiv nicht so gut glätten und neigt bei vielen Knoten in einer Reihe (z.B. Flossen) zu Verdrehungen. Auch verziehen sich die Kanten m.M.n. mehr, das sieht man hier an der Zitrone. Dafür legen sich die Knoten allerdings auch "von selbst" regelmäßiger hin. Bei dem Tschechischen Garn muss man deutlich regelmäßiger arbeiten, und es verknotet sich auch leichter. Dafür lässt es sich sehr schön glätten. 

 

Ich würde sagen, das für den Einstieg mercerisiertes Garn besser ist, weil es doch deutlich einfacher in der Handhabung ist. Ich persönlich werde jetzt, nachdem ich etwas mehr Übung habe, auf das nicht/weniger mercerisierte Garn umsteigen. Ich werde mich auch mal bei Klöppelgarnen umschauen, was es da so gibt.

 

Fertigstellung

Wenn man fertig ist, kann man das Motiv von dem Untergrund lösen. Dazu schneidet man zwischen den Stofflagen alle Nähgarn-Fäden durch. Dann muss man "nur" noch die vielen Fäden Nähgarn (hier bei der Zitrone oder dem Fisch hier z.B. in rot) herauszupfen. Ich habe es zu Beginn definitiv mit dem Festnähen übertrieben, also damit lieber etwas sparsamer umgehen, es ist sonst sehr mühsam.

Einzelne Motive können als Aufnäher oder Spitzen-Einsatz herhalten, oder man kann mehrere Motive zu einer Fläche zusammenfügen, soweit bin ich aber noch nicht.

Besonders schön sieht so ein Motiv auf einem schwarzen Untergrund aus, mein Nachtfalter wird jedenfalls auf einem Sweatshirt landen, das muss ich allerdings noch kaufen. Den Fisch stelle ich mir hübsch auf einem Oberhemd vor, so seitlich vorne. Mal sehen!

Die Blüte hat von mir noch einen "Tautropfen" (Glasperle) bekommen, ich werde sie vermutlich als Kettenanhänger verwenden.

 

 

 

Liebe Grüße,

 

Eure Anne Sophie

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Kommentare: 1
  • #1

    Gabi - langer-faden (Sonntag, 08 März 2026 12:35)

    Danke für diesen sehr ausführlichen Beitrag zu Spitze! Deine beiden genannten Bücher befinden sich seit ewig in meinem Besitz. In meiner Jugend habe ich Spitzenstrickerei gemacht, meine Mutter hat sich über all die Deckchen gefreut. Ich fand die Musteranleitungen logisch gut nachvollziehbar und konnte sie nach wenigen Reihen auswendig. Klöppeln habe ich mal ausprobiert, aber das ist mir entschieden zu mühsam und zeitaufwendig. Häkelspitze finde ich technisch gut ausführbar,, wird aber leicht etwas grob wie ich finde. Deine ausführlich gezeigte Nadelspitze sieht tatsächlich nicht so komplziert aus, wie ich immer dachte. Die probier ich vielleicht auch mal aus.
    LG Gabi

 Heyy Oskar

 Email: info(at)heyyoskar.com


 

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