Hallo zusammen,
die ersten Stoffspielereien im Jahr 2026, ich freu mich! Das Thema "Ein Buch als Inspiration" ist ein sehr inspirierendes und auch ergiebiges Thema, denn Bücher für den zündenden Gedanken gibt es wahrlich viele... Vielen Dank an Gabi von Langer Faden für dieses schöne Thema. Von schönen Märchenbüchern meiner Oma über alte botanische Illustrationen zu Natur-Fotografien, Möglichkeiten gibt es genug. Da hat man in der Tat die Qual der Wahl!
Ich wollte zunächst eine Aufgabe aus dem Buch "Radical fashion exercises - A workbook of modes and methods" machen, und hatte damit auch schon angefangen. Das Buch ist sehr kritisch, was die heutige Mode-Industrie anbelangt, und ist definitiv eher als künstlerisch-aktivistisch zu verstehen, eine Art think tank in Buchform, wenn man so will. Ich fand dann aber, dass das Buch einen eigenen Beitrag wert ist. Deshalb hebe ich mir das für ein Andermal auf.
Meine zweite Wahl fiel danach dann auf den sensationellen Fotoband "von Angesicht zu Angesicht" (Kosmos Verlag), für den sich ein Biologe, ein Fotograf und ein Autor zusammengetan haben, um heimische Insekten zu porträtieren, auf Augenhöhe, wie sie das formuliert haben. Jedes Bild besteht eigentlich aus mehreren hundert Bildern, die dann mittels Computer übereinandergelegt wurden. Dadurch entstehen prachtvolle, extrem scharfe Aufnahmen von Insekten, die tatsächlich ihresgleichen suchen. Wirklich ein ganz tolles Buch, zu Recht ein Bestseller und ein schönes Geschenk (sofern man/die Beschenkte sich nicht vor Krabbeltieren ekelt...).
Wie immer: Keine Werbung, Das Buch habe ich selber gekauft und auch bezahlt :-) Die Bewertung ist meine ganz persönliche Meinung.
Was die Technik anbelangt, so habe ich mir Nadelspitze ausgesucht, eine alte Methode zur Spitzenherstellung, auf die ich vor einiger Zeit gestoßen bin und von der ich seitdem fast ein wenig besessen bin.
Man braucht nicht viel, ein Stoffrest als Unterlage, eine feste durchsichtige Folie, Cordonnet Stärke 50 bis 100, Nähgarn, Nähnadel, eine stumpfe Sticknadel und natürlich ein Motiv!
Ich zeichne meine Motive meist mit Tusche, einfach, weil ich es so meditativ finde, und es mich an früher erinnert. Bleistift geht natürlich auch. Als Kind/Jugendliche habe ich eigentlich immerzu irgendwas gemalt oder gezeichnet, jede freie Minute ging dafür drauf. Irgendwann hat sich das verloren, schade eigentlich. Wer nicht gerne zeichnet, der kann sich das Motiv natürlich auch kopieren.
Wenn die Zeichnung fertig ist, dann fotografiere ich sie ab und stelle am Computer Kopien in unterschiedlichen Größen her und drucke alle zusammen auf einer Seite aus. So kann ich dann erst später entscheiden, welche Größe schön aussieht und auch geeignet ist. Außerdem zeichne ich eher größer, weil ich das einfacher finde, und verkleinere das Motiv dann meist für das Nadelspitzen-Projekt.
Nadelspitze geht ganz grob beschrieben so: Man legt das Motiv zwischen Stoff und Folie und befestigt das ganze mit Nähgarn oder Klebeband. Dann legt man den Umrisse mit dem dickeren Cordonnet und sichert die Position mit Nähgarn (Überfangstiche). Das ist der mühsamste Teil. Anschließend wechselt man auf das dünnere Cordonnet und die stumpfe Nadel und füllt die Flächen mit verschiedenen Nadelspitzen-Stichen. Durch das Verwenden von dichteren und offenen Stichen für verschiedenen Flächen bekommt das Motiv einen schönen Kontrast.
Die Stich sind zumeist Variationen des Langettenstichs, wobei immer in die Schlaufen der vorhergehenden Reihe gearbeitet wird.
Ein bekanntes Beispiel ist die venezianische Spitze oder auch Point de Venise, oder auch die geometrische Reticella-Spitze. Ganz zum Schluss werden bei der venezianischen Spitze dann die Ränder nochmals mit Langettenstich umstochen, ggf. mit einer eingezogenen Gimpe, so entsteht ein plastischer Effekt. Traditionell werden die Motive dann zusammengesetzt, aber auch einzeln als Aufnäher oder eingesetzt sieht Nadelspitze schön aus.
Das Motiv sollte idealerweise kontrastreiche Flächen besitzen, aber nicht zu detailliert/filigran sein, denn obwohl das Garn sehr dünn ist, nehmen die Knötchen doch erstaunlich viel Fläche ein. Eine schöne, meditative Arbeit, die man auch gut mitnehmen kann. Nur gutes Licht braucht man unbedingt.
Meine Motiv-Wahl fiel auf den Braunen Bären, ein Nachtfalter und hier zu bewundern: Brauner Bär.
Nadelspitze ist zumeist weiß oder naturfarben, was auch wunderbar aussieht. Ich wollte jedoch die prächtige Farbigkeit des Motivs herausarbeiten, und bin auf die Idee gekommen, das Motiv in verschiedenen Stadien zu färben: Also alles nähen, was dunkel sein soll, dann färben, weiter mit den Zwischenräumen, und dann den unteren Teil rot färben, dann alles nähen, was hell bleiben soll. Das ist natürlich etwas riskant, und es besteht durchaus die Gefahr, dass ich die mühevolle Arbeit damit versaue, aber hey, no risk no fun...
Jetzt fragt ihr Euch vielleicht, warum ich nicht gleich farbiges Cordonnet nehme... Ganz einfach: Das gibt es nicht zu kaufen, zumindest nicht in den genannten Stärken. Außerdem finde ich es schöner (zumindest in meiner Vorstellung davon... ), wenn es Farbverläufe gibt, und keine sichtbaren Unterschiede zwischen den Stichen/Trägerfaden gibt. Ich denke, man würde zwischen den Stichen den weißen Trägerfaden hervorblitzen sehen, das stelle ich mit nicht so schön vor. Außerdem reizte mich die Idee, wie beim Wachsbatiken oder bei der Drucktechnik "Verlorenen Platte" mehrfach die gleiche Fläche zu bearbeiten.
Ich habe normale Stofffarbe genommen, diese jedoch stark verdünnt, da ich die Stiche nicht zukleistern wollte. Die Struktur sollte sichtbar bleiben, und ich wollte Lasurverläufe erzielen.
Hier seht Ihr die verschiedenen Stadien:
Merke: Die Farbe sieht nach dem Trocknen heller aus, die dunklen Flecken hätten durchaus etwas mehr Schwarz vertragen können. Daher müsste man wahrscheinlich noch ein paar mehr Schichten auftragen, wenn man kräftigere Farben möchte. Ich finde es aber auch so sehr schön, besonders auf schwarzem Untergrund. Dennoch habe ich mich dann entschlossen, nochmal etwas schwarz nachzulegen, was mir im Nachhinein gar nicht so gut gefällt. Ich hätte es so verwaschen lassen sollen.
Am besten gefällt mir der Schmetterling auf dunklem Hintergrund, oder aber "frei schwebend", allerdings ist er dazu als einzelnes Motiv zu filigran. Ich will demnächst mal mit Shellack zum Fixieren experimentieren. Oder ich macht noch mehr Schmetterlinge und verbinde das ganze zu einem Stoff.... äh nein, dann würdet ihr wahrscheinlich erst in ein paar Jahren wieder was von mir hören... Wenn ich mir vorstelle, einen ganzem Meter oder mehr davon zu produzieren, dann verstehe ich auch, warum Spitze früher so unheimlich teuer war.
Liebe Grüße,
Eure Anne Sophie
ZU DEN STOFFSPIELEREIEN
Mach mit, trau dich, sei dabei! Die Stoffspielereien sind offen für alle, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Es geht ums Experimentieren und nicht ums Perfektsein, denn gerade aus vermeintlich „misslungenen“ Experimenten können wir im Austausch jede Menge lernen. Lass dich gerne vom monatlich vorgegebenen Thema inspirieren und zeig deine Ideen dazu.
Jeden letzten Sonntag im Monat sind die Stoffspielereien zu Gast bei einer anderen Bloggerin. Dabei kommen wir ohne Verlinkungstool aus: Schreib einfach einen Kommentar mit dem Link zu deinem Beitrag im jeweiligen Blogpost der Gastgeberin. Sie fügt die Links im Lauf des Tages in ihren Beitrag ein – ganz persönlich und individuell.
Stoffspielerei-Termine 2026:
25.01.2026: „Ein Buch als Inspiration“ bei Langer Faden
22.02.2026: „Licht & Dunkelheit“ bei Heyy Oskar
29.03.2026: „Taschen“ bei Petersilie und Co
26.04.2026: „Altes in Neuem“ bei feuerwerk by KaZe
31.05.2026: „Englisch Paper Piecing“ bei 123-Nadelei
28.06.2026: „Tierisches“ bei zwisch-en-durch
Juli und August: Sommerpause
27.09.2026: „Die Kunst des Weglassens“ bei Tyche’s Touch
25.10.2026: „Schablonieren“ bei Siebensachen zum Selbermachen
29.11.2026: „Teppiche“ bei made with Blümchen
Dezember: Winterpause








Kommentar schreiben
Regula (Sonntag, 25 Januar 2026 10:38)
Deine Schmetterling ist spitze. Eine wunderbare, kunstvolle Arbeit. Der Farbverlauf lässt den Schmetterling lebendig aussehen. Liebe Grüsse von Regula
Gabi - langer-faden (Sonntag, 25 Januar 2026 11:29)
Liebe Anne Sophie, du hast ein tolles Buch als Inspiration gewählt und eine sehr aufwendige Technik es umzusetzen. Ich bin von dem Ergebnis ganz begeistert und bewundere deine Geduld! Hoffentlich wirst du die Spitze irgendwo verwenden und nicht irgendwo verstauben lassen. Liebe Grüße Gabi
merlecolibri (Sonntag, 25 Januar 2026 20:09)
sehr feine nadelarbeit * der schmetterling ist nicht zu klein und kann auch einzeln sehr gut als "schmuckstück" auf ein kleid oder blusen angebracht werden und sogar auf jean :)
liebe grüsse
mo
marys.kitchen (Sonntag, 25 Januar 2026 21:59)
WOW. Ich bin schwer beeindruckt! Irgendwie dachte ich, Spitze wird nur geklöppelt, aber diese Technik ist ja ohne viel zusätzliches Material machbar. Klasse! Vielen Dank für die kurze Einführung und fürs Zeigen von diesem wunderschönen Schmetterling!
Also Kind war eins meiner Lieblingsbücher ein dickes von Maria Sibylla Merian - die traumhafte Stiche von u.a. Schmetterlingen im 17.Jahrhundert angefertig hatte.
Ich könnte mir deinen Schmetterling auch sehr gut als Haarbrosche vorstellen. Die Art der Färbung ist auch prima geworden! Sooo schön!
Liebe Grüße,
Maria
Redwork in Germany (Montag, 26 Januar 2026 08:29)
Tolle Umsetzung, jetzt oute ich mich als Spitzentechniken-Nicht-Kennerin. Mein erster Gedanke war scotch darning. Schöne Idee.
Stoffnotizen (Montag, 26 Januar 2026 12:00)
Mega! Ich habe eher zufällig bei meinen kleinen Blütenpuscheln eine einfache Nadelspitze ausprobiert und kann nur sagen Dein Falter ist super super umgesetzt. Wie hast Du ihn eigentlich von der Folie bekommen? Und Respekt, wenn Du unterwegs solch ein Projekt arbeiten kannt :-) ! Macht die Stofffarbe das Ganze so ein bisschen steif oder ist das der Cordonnier? Danke, dass Du den Enstehungsprozess mit dem partiellen Färben auch so schrittweise beschrieben hast. Liebe Grüße!
Elvira ( zwischendurch) (Montag, 26 Januar 2026 12:37)
Eine wundervolle Arbeit! Nadelspitze zu arbeiten stelle ich mir sehr langwierig vor, mit all der Vor- und Nacharbeit. Die Technik habe ich nur einmal gestreift, als ich einen Kurs zu Schwälmer Weißstickerei angefangen habe ( das Musterstück ist noch unvollendet). Deine Färbe- Wirkung ist toll, das macht den Falter richtig lebendig. Man vergisst immer, dass man Farbe auch selbst dazugeben kann. Danke für die Erinnerung. Liebe Grüße
feuerwerkbykaze (Montag, 26 Januar 2026 22:32)
Toll, dass du in solcher Technik unterwegs bist. Auf Burano konnte ich im letzten Jahr die feinsten Nadelspitzen bewundern.Eine gute Idee, einzufärben, allein mit unterschiedlicher Färbung könnte ein ähnliches Motiv sehr anders wirken. Vielleicht sehen wir ja noch mehr.
Viele Grüße, Karen
3he fecit (Montag, 26 Januar 2026 22:56)
Eine schöne Idee und eine gelungene Umsetzung. Das Einfärben bringt nochmal eine Dreidimensionalität in die Stickerei. Dass Spitze herstellen aufwändig ist und Spitze deshalb teuer wusste ich. Wie aufwändig manche Arten von Spitze ist mir jetzt beim Lesen deiner Schritte wieder so richtig bewusst geworden.
Liebe Grüße, heike
123-Nadelei (Dienstag, 27 Januar 2026 20:16)
Kombination von Techniken finde ich immer spannend. Dein Ergebnis kann sich sehen lassen. Wenn man so was mal selbst herstellt bildet sich eine ganz andere Wertschätzung für Spitzentechniken.
Inzwischen experimentiere ich auch gerne mit Farben in Kombination zum nähen. Mit Seidenmalfarben habe ich gute Erfahrungen bei Farbechtheit. Stifte sind auch praktisch für filigrane Konturen.
LG Ute
Siebensachen (Donnerstag, 29 Januar 2026 14:59)
Wow! Ich bin beeindruckt! Dein Falter ist ein ganz außergewöhnliches Werk. Ich kann. Ich behaupten, dass ich die Technik schon verstanden habe …. Ich werde mir das nochmals in Ruhe durchlesen.
LG
Beate
made with Blümchen (Sonntag, 01 Februar 2026 06:18)
Liebe Anne Sophie, deinen Schmetterling finde ich total faszinierend! Ich habe noch nicht verstanden, wie du das Motiv zum Schluss von der Unterlage löst. Stichst du durch die Folie durch, wenn du die Spitze nähst, oder nicht? Irgendwie muss das ja während des Arbeitens am Untergrund befestigt sein. Ist das eine wasserlösliche Folie?
Jedenfalls: Experiment gelungen, würde ich mal sagen! Gut, dass du mutig warst.
Vor Jahren habe ich das Spitzenmuseum auf der Insel Burano bei Venedig besucht, das früher ein Zentrum der Nadelspitzen-Kunst war. Extrem beeindruckend, wenn man sich vorstellt, wie sich im 17. Jahrhundert arme Fischersfrauen ein Zubrot verdient haben, indem sie bei Kerzenschein feinste Spitzen produzierten! Am Blog habe ich darüber berichtet (https://madewithbluemchen.at/das-ist-spitze/) Vielen Dank für die tolle Inspiration, und den tollen Buchtipp! Liebe Grüße, Gabi