JackenkRagen konstruieren
Hallo ihr Lieben, willkommen im Jahr 2026!
Ich kann es kaum erwarten, denn nach ein paar wohlverdienten Ruhetagen habe ich auch einiges gestaltet, was ich Euch unbedingt zeigen will. Unter anderem natürlich meine Caban-Jacke, um die es heute mal wieder gehen soll. Aber Ihr dürft auch gespannt sein, denn auch wenn die Feiertage rum sind, wird es hier noch funkeln und glitzern! Ich finde nämlich, dass man sich dadurch auch im Alltag und ganz besonders im Winter den Tag ein wenig erhellen kann. Also: Stay tuned!
Aber jetzt erst mal zurück zu der Jacke!
Wie bereits in den anderen Teilen beschrieben folge ich dem Buch von Thomas von Nordheim, sowie ergänzend dazu den Videos der International School of Tayloring.
In beiden Fällen werden die Unterkragen aus einem Stück zugeschnitten, und zwar im schrägen Fadenlauf. Der Kragen wird dann dressiert und auf ein Stück Rosshaareinlage pikiert. Das hat mich insofern stutzig gemacht, als dass alle meine Kauf-Schnitte bisher zweiteilige Kragen hatten, also ein Kragenteil mit einem Ausschnitt und einem dazugehörigen separaten Steg. Zu Beginn meiner Nähkarriere habe ich einmal einen Blazer mit einteiligem Kragen genäht, mit dem ich überhaupt nicht zufrieden war, denn er schlug an der Bruchkante unschöne Falten. Aber damals wusste ich ja auch noch nichts von Dressieren und co!
Nun, wenn alle Profis einteilige Kragen verwenden, dann muss es doch einen Vorteil geben, oder nicht? Ich habe nachgeforscht, wie ein Kragen entsteht und was die Herausforderungen sind (Stichwort unschöne Falten...), denn schließlich wollen wir aus einem 2-dimensionalen Stück Stoff einen 3-dimensionalen Kragen gestalten, der auch noch makellos glatt liegen soll... keine leichte Aufgabe, wenn man es mal genau bedenkt!
Wie entsteht die Kragenform?
In den folgenden Zeichnungen habe ich Euch mal skizziert, wie ein solcher Kragen liegen sollte. Der Kragen besteht aus einem innenliegenden aufrechten Anteil, der fast wie ein Stehkragen positioniert ist (hier grau schattiert). Der äußere Kragenteil wird nach außen gefaltet (hier weiß). Hinten im Nacken verlaufen beide Teile (der innere und der äußere Teil) nahezu identisch und sehr aufrecht. Weiter nach vorne steht der äußere Teil dachartig vom inneren Teil ab und legt sich ringsum im Idealfall flach auf die Schultern.
Schneidet man den Kragen einfach als einen rechteckigen Streifen, so würde er, wenn man ihn bogenförmig um den Hals legt, innen Falten werfen und/oder außen spannen, da beide Kanten ähnlich lang sind. Wenn man sich nun die rechte Zeichnung unter diesem Absatz betrachtet, dann wird klar, dass die äußere Kragenkante (hier gelb) länger sein muss, da sie sich flach auf die Schultern legen soll und damit deutlich weiter außen verläuft. Die innere Kante (die später an die Jacke genäht wird, hier blau), muss deutlich kleiner sein, denn der innere Teil steht aufrecht und folgt der Halsausschnitt-Linie.
Daher muss der Kragen leicht gebogen zugeschnitten werden. Dadurch ist die Außenkante länger als die innere Kante. Solltet Ihr also einen Kragen haben, bei dem die äußere Kragenkante spannt, dann müsst ihr den Kragen spreizen = stärker krümmen.
Soweit so gut, aber was ist mit dem Kragenbruch, also dem "Dachfirst"? Wie ihr in der Zeichnung sehen könnt, müsst diese Bruchkante (hier rot gestrichelt) nahezu genauso lang oder sogar etwas kürzer sein als die Unterkante (blau). Das ist aber bei einem 2D-Teil, egal wie man es anstellt, nicht möglich.
Krümmt man den Kragen weniger, wird die Bruchkante kürzer, aber auch die Außenkannte wird zu kurz, der Kragen spannt und liegt nicht flach auf. Erhöht man die Krümmung, so wird die Außenkante länger, aber ebenso die Bruchlinie.
Also, was tun?
Methode 1: Dressieren, dehnen und Pikieren
Bei dieser Methode wird das Schnittteil an der unteren Kante gedehnt, so dass diese relativ zur Bruchkante länger wird. Dies wird durch bügeln erreicht, stabilisiert wird das Ganze durch Pikieren auf eine Rosshaareinlage. Damit dies gelingt, muss das Teil wie bereits erwähnt schräg zugeschnitten werden.
Methode 2: Kragensteg abtrennen und "Abnäher" setzen
Einen ähnlichen Effekt erzielt man, wenn man Abnäher setzen würde (links oben). Da die jedoch nicht schön aussehen würde, verlegt man die Naht zwischen Kragensteg und Kragen weiter nach unten. Man schneidet den Kragensteg ab und erstellt neue Schnittteile, die diese "Abnäher" bereits enthalten, also eine andere Krümmung haben. Die Teile passen anschließend also nicht mehr ineinander. Das macht man natürlich zuerst auf Papier.
Einteilige oder zweiteilige Kragen, was ist besser?
Wie immer lautet die Antwort: Es kommt darauf an! Methode 1 eignet sich besonders für dehnbare und vor allem dressierbare Stoffe, und das sind in der Regel Wollstoffe. Der Vorteil ist, das der Kragen keine störende Naht innen hat und sich schön anschmiegt. Der Nachteil ist, dass sich diese Methode nicht so gut für steife, nicht dressierbare Stoffe eignet. Außerdem, und hier kommt mein persönlicher Aha-Moment: Der Kragen wird im schrägen Fadenlauf zugeschnitten, was den Stoffverbrauch doch noch um ein gutes Stück erhöht, denn so klein ist so ein Kragen gar nicht! Deswegen lautet meine Vermutung, dass man deswegen den zweiteiligen Kragen häufiger sieht, besonders bei Konfektionsware. Dafür ist die Konstruktion einfacher als beim zweiteiligen Kragen, und der Kragen kann sogar nur durch Drapieren erstellt werden.
Der zweiteilige Kragen hingegen kann im Fadenlauf zugeschnitten werden, und muss auch nicht dressiert werden, so dass auch einfache Klebeeinlage zum Einsatz kommen kann. Allerdings muss man bei der Konstruktion etwas mehr Trial and Error walten lassen, denn das Maß, inwieweit die Krümmung der Teile verändert werden muss, kann variieren. Es gibt zwar Ehrfahrungswerte, aber keine genauen Konstruktionsregeln dafür. Man sollte also einen Test-Kragen nähen, wenn man aus einem einteiligen Kragen einen zweiteiligen Kragen machen will. Wer es genau wissen will, für den habe ich hier ein Tutorial erstellt.
Euch allen einen guten Start ins Jahr 2026,
Eure Anne Sophie








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