Was bedeutet Balance beim Schneidern, und warum ist das wichtig?

Kennst Du das auch: Man stellt mit großer Vorfreude ein Kleidungsstück fertig, und stellt dann bei der Anprobe fest, dass das Kleidungsstück zwar passt (also nicht zu eng oder zu groß ist), aber irgendwie nicht richtig sitzt. Der Halsausschnitt wirft Falten, das ganze Kleidungsstück verrutscht beim Tragen, oder es hängt nicht gerade.

 

Als ich als Teenagerin anfing zu nähen, habe ich nicht, wie es vielleicht sinnvoll gewesen wäre, mit gekauften Schnittmustern angefangen, sondern habe mich gleich größenwahnsinnig, wie ich bin, kopfüber in die Schnittmustererstellung gestürzt - mit leidlichem Erfolg. Ich habe mich dabei zwar an vorhandenen, passenden Kleidungsstücken orientiert, aber dennoch war das Ergebnis eher mau. Die Idee war gut, aber mir fehlte schlicht das Wissen. Das habe ich dann auch eingesehen und fertige Schnittmuster nachgenäht. Aber auch das fand ich nicht so richtig gut, denn es war immer etwas Glückssache, ob das Ergebnis dann gefiel und vor allem passte, wie ich das wollte. Aufgrund von Studium und anderen Dingen habe ich das Nähen dann für eine Weile ganz aufgegeben und erst ein Jahrzehnt später wieder aufgenommen - mittlerweile hatte ich gelernt, ein paar Änderungen vorzunehmen. Dennoch mit dem gleichen Ergebnis: Das Kleidungsstück passte zwar, aber so 100% zufrieden war ich nicht. Denn schließlich werden Mehrgrößen-Schnittmuster nach dem gleichen Prinzip hergestellt, wie Kleidung von der Stange: Basierend auf Konfektionsgrößen, und die entsprechen nun mal in den allermeisten Fällen nicht der eigenen Figur. Und auch wenn man die Weiten anpasst, so ist das immer noch nicht die eigene Figur.

 

Bei mir gibt es Abweichungen von den Konfektionsgrößen, die für das störende Gefühl einiger Kleidungsstücke sorgen. Diese Abweichungen sind bei mir nicht sehr groß, was fast bedauerlich ist. Denn weil die Kleidungsstücke halbwegs passten, habe ich mich lange mit ein paar Passform-Fehlern zufrieden gegeben - sooo groß waren sie ja nicht! 

Aber richtig gut sitzende Kleidung ist eben etwas völlig anderes, und das wollte ich! Denn wenn man sich schon die Mühe macht, selber zu schneidern, dann sollte das Ergebnis auch gut passen, und zwar nicht nur so lala. Denn let's face it: Schneidern, besonders Jacken und Hosen, kostet Zeit, Mühe, und  nicht zuletzt: Geld. Deswegen war mein Deal mit mir selber: Entweder lerne ich das richtig, oder ich lasse es ganz.

 

Und nun nach dieser Plauderei aus dem Nähkästchen in einem laaaaangen Bogen  zum heutigen Thema: Balance. Denn ich habe lange Zeit Schnittmuster zwar angepasst, aber mich meistens an den Weitentabellen orientiert und an einigen Stellen Länge rausgenommen, ohne so richtig zu verstehen, was das Prinzip dahinter ist. Denn für eine gute Passform braucht es neben den reinen Körpermaßen noch die Balance. Was Das ist, erkläre ich hier.

 

Balance  - was ist das?

 

** Disclaimer: Wenn ich hier von Norm spreche, meine ich die industrielle Norm = Konfektionstabelle, und nicht, was normal oder gar Normschön sein soll. **

 

Unter Balance versteht man die Differenz zwischen Vorderlänge und Rückenlänge. Der Norm nach ist die Vorderlänge bei Frauen wegen der Brust immer etwas länger als die Rückenlänge. Wie groß dieser Wert, also die Balance ist, hängt von dem Brustumfang ab und kann anhand der Konfektionstabellen ermittelt werden. So ist bei Größe 40 der Brustumfang 92, die Vorderlänge 45,9, und die Rückenlänge 41,8. Dadurch ergibt sich eine Balance von 4,1.

 

Diese Berechnung basiert jedoch auf folgender Annahme: Der Oberkörper ist aufrecht, und die Wirbelsäule leicht S-förmig gebogen, das Becken ist gerade.

Also so wie hier in Bild A. Bild B - D zeigen - etwas überspitzt - was mit der Vorderlänge (VL) und Rückenlänge (RL) passiert, wenn man Abweichungen von der Norm hat, z.B. einen größeren Brustkorb plus mehr Oberweite (B), einen Rundrücken mit dadurch etwas eingefallenem Brustkorb (C) oder ein nach vorn gekipptes Becken (D). Es kann natürlich auch noch Kombinationen aus diesen Abweichungen geben, dann wird es richtig spannend :-)

 

Verschiedene Körperhaltungen und deren Auswirkung auf die Vorderlänge (VL) und Rückenlänge (RL) Und damit die Balance.  A: gerade Haltung, B: Größerer Brustkorb, C: Rundrücken, D: Gekipptes Becken
A: gerade Haltung, B: Größerer Brustkorb, C: Rundrücken, D: Gekipptes Becken

Warum ist das wichtig?

Dazu muss man verstehen, wie in der Regel Schnittmuster erstellt werden. Da gibt es natürlich kein einheitliches Vorgehen, jede Methode bzw. Schule hat eigene Berechnungen. Aber ganz grundlegend und sehr vereinfacht erklärt funktioniert das so:

Man beginnt mit der Rückenlänge und zeichnet sie senkrecht ab. nun hat man die Taillenlinie.  Dann zeichnet man die Armlochtiefe ab, nun hat man die Brustlinie. Die Weite des Kleidungsstücks ergibt sich aus dem Brust- bzw. Hüft-Umfang.

Nun trägt man nach oben die Vorderlänge ab (je nach Methode variiert dieser Schritt etwas). Damit hat man die Schulter.  Diese Methode funktioniert aber eben nur unter der oben genannten Annahme, dass das Becken gerade ist und RL und VL sich nicht allzu sehr unterscheiden!

Was passiert, wenn mein Körper anders ist? Bei mir z.B. ist der obere Rücken sehr gerade und damit ist die RL kürzer (also das Gegenteil eines Rundrückens). Gleichzeitig hat mein Brustkorb einen größeren Umfang, was zu einem größeren Brustumfang-Wert und einer größeren VL führt. Zusätzlich ist mein Becken minimal nach vorn gekippt, wodurch die RL kürzer und die VL länger wird.

 

Resultat: Meine Rückenlänge ist kleiner als die Norm, meine Vorderlänge ist größer als die Norm. Was passiert, wenn ich diese Werte nun heranziehe, um das Schnittmuster nach der oben genannten Methode konstruiere? Hier habe ich das mal skizziert (ebenfalls etwas übertrieben, damit Ihr den Unterschied sehen könnt): 

Das Vorderlang ist zu lang im Verhältnis zum Rückenteil, außerdem stimmt das Armloch nicht mehr.

Deswegen muss man neben den reinen gemessenen Werten auch immer die Balance berechnen, und dann ggf. ermitteln, wo genau die Abweichung besteht.  Dann kann man dies bei der Schnittmusterkonstruktion berücksichtigen und bestimmte Abweichungen herausrechnen. 

Wer dazu mehr wissen will, dem empfehle ich den zweiten Band von Hofenbitzer, natürlich nur, wenn man nach seiner Methode arbeitet. 

Was kann man damit nun machen?

Ich gebe es zu, ich bin faul. Man kann diese Anpassungen natürlich immer auf Papier machen, das muss man dann aber bei jedem Schnittmuster neu machen, und dazu habe ich keine Lust. Ich arbeite mit der Valentina-Software, und habe deswegen die Balance-Korrektur gleich in meine Schnittmuster eingebaut. So kann ich diese gleich bei der Ausgabe berücksichtigen, wenn ich Schnittmuster nach persönlichen Maßen erstelle. Hier ein Beispiel für meine eigenen Maße: Übereinander gelegt habe ich im ersten Bild Konfektionsgröße 40 (schwarz) / Meine Maße mit Balance-Korrektur (blau) sowie im zweiten Bild meine Maße, einmal mit Balance-Korrektur (blau) und einmal ohne Balance-Korrektur (rot).

Gr 40 passt nicht, weil die Proportionen nicht stimmen: Zu lang, außerdem sitzt der Rückenausschnitt viel zu weit oben. Das deckt sich auch mit meiner Beobachtung: Bei Fertigschnitten habe ich oft einen unschönen Faltenwurf am oberen Rücken.

Rechts ist es schon besser, die Rückenlänge ist fast ok, aber das Modell ist zu kurz. Auch das deckt sich mit meiner Beobachtung: Als ich mit Schnittmuster-Konstruktion anfing, zunächst noch ohne Balance-Korrektur, wurden meine Schnitte immer etwas zu kurz, minimal, aber gewundert hat es mich doch. Außerdem stimmt die Konstruktion des Vorderteils nicht ganz.

 

Daran sieht man, das bereits geringe Abweichungen große Änderungen bei der Konstruktion bedeuten können!

 

Liebe Grüße,

Eure Anne Sophie

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 Heyy Oskar

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