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Häkeln mit japanischen Papiergarnen

Ein gehäkelter Hut und eine Baskenmütze aus Papiergarn

Leute, ich bin mal wieder spät dran, denn gerne möchte ich Euch noch meine Sommer-Baskenmütze und demnächst noch meinen Sommerhut aus Papiergarn zeigen. Aber ich bin nun mal niemand, der gerne im Winter an luftigen Sommersachen arbeitet, und im Sommer ein halbes Schaf (=Winterpullover) auf dem Schoß hat, nur damit man rechtzeitig zum Saisonstart fertig ist. 

Das schöne Spätsommerlicht und die Gänse, die laut kreischend ihre Formationen üben, kündigen bereits den Herbst an. Aber auch der Herbst kann noch schöne, warme Tage haben, und der nächste Sommer kommt sowieso. 

 

Gehäkelt habe ich den Hut und die Baskenmütze mit Ito Washi Papiergarn, ein ganz zartes Garn, das aber, wenn es erst mal verarbeitet ist, erstaunlich fest ist. Papiergarne haben in Japan eine lange Tradition, und wurden auch für Kleider genutzt, hauptsächlich von der ärmeren Bevölkerung. Seide war ihnen verboten, das durfte nur eine bestimmte Schicht tragen. Baumwolle war knapp und teuer. Aus diesem Umständen folgte nicht nur, dass Kleidungsstücke kunstvoll geflickt wurde (Boro und Sashiko). Auch Papier wurde zur Herstellung von Kleidung verwendet. Diese Kleidungsstücke waren zwar waschbar, aber lange nicht so haltbar wie Kleidung aus Baumwollgewebe. Heute findet man öfters Sommerhüte, die aus Papier hergestellt wurden, zumeist gehäkelt, nicht gewebt. Aber was genau macht Papiergarn aus, und worin liegt der Unterschied zu den heute noch üblichen Garnen aus z.B. Baumwollgarn, oder aber zu ähnlich wirkenden Garnen wie z.B. Raffia, die ebenfalls zur Herstellung von Hüten verwendet wird?

 

Kleine Faserkunde

Bastfasern

Bastfasern sind die ältesten Fasern, die der Mensch zur Herstellung von Seilen und Gewirken verwendet hat. So schrieb Virginia Postrel in ihrem Buch "The Fabric of Civilization", dass man das Steinzeitalter auch Faserzeitalter hätte nennen können, denn diese waren absolut essenziell zur Befestigung der Steinklingen an Griffen aus Holz. Leider haben nur wenige Fragmente solcher Fasern bis heute überlebt, so dass man recht wenig über die verwendete Technik weiß. Aber Seile haben die Herstellung von Äxten usw. erst möglich gemacht, und waren damit ein enormer technischer Durchbruch. Was man jedoch weiß ist, dass diese Seile aus Bastfasern bestehen, in Mitteleuropa speziell aus dem Bast von Linden und Eichen. 

 

Bastfasern bestehen aus den langgezogenen Zellen der Bastschicht von Pflanzenstängeln. Diese Bastschicht liegt bei Bäumen unter der Rinde und umgibt den teilweise verholzten Kern (je nach Pflanzenart). Dort befinden sich "Transportbahnen", ebenjene langgezogenen Zellen, die für den Transport von Nährstoffen verantwortlich sind. Die Bastschicht ist lebendig, feucht, biegsam aber auch flexibel und robust, und eignet sich daher hervorragend zur Herstellung von Seilen und Garnen für Teppiche, Körbe, Hüte,... 

Bekannte Vertreter:

Leinen, Sisal, Manilahanf, Jute, Nessel, Ramie und eben auch Raffia.

 

Um an diese Fasern heranzukommen, muss das Material entweder mechanisch geschält werden, oder aber man lässt das Pflanzenmaterial verrotten, wie es z.B. beim Flachs gemacht wird, eine stinkige und langwierige Angelegenheit. Die resultierenden Fasern sind oft etwas störrisch und neigen zu Brüchigkeit, zum Spinnen bzw. flechten müssen diese Fasern angefeuchtet werden.

Tier- und Pflanzenhaare (Trichome)

Ach, wie praktisch ist es, wenn die Faser bereits als solche wächst und nur noch gepflückt werden muss! Mit der Domestizierung von Schafen, war das möglich, insbesondere nachdem man Tiere gezüchtet hatte, die dauerhaft Fell trugen. Auch die Baumwolle ist eine relativ neue Errungenschaft, da erst eine Kreuzung zweier Arten eine neue Art mit sehr viel mehr Baumwollwatte hervorbrachte. Ursprüngliche Baumwollarten produzierten nur sehr wenige, kurze Haare.

Bekannte Vertreter:

Baumwolle, Wollfasern verschiedener Tiere wie Schaf, Ziege, Yak, ...

Sonderstellung Seide

Seidenfasern bestehen aus Endlosfilamenten, es handelt sich hierbei um die einzige textile Endlosfaser, das natürlich vorkommt. Wobei ich mich gerade frage, was mit Seide von Spinnentieren ist? Diese produzieren ebenfalls Endlosfasern über Seidensekretion. Ich vermute, da diese nicht für Textilproduktion verwendet werden (noch nicht :-) ), zählt man sie nicht zu den textilen Endlosfasern, also mit Betonung auf textil. Weitere textile Endlosfasern findet man im Bereich der Kunstfasern.

 

Und was ist jetzt Papiergarn?

Allen oben genannten Verfahren ist gemeinsam, dass sie gesponnen werden, d.H. die Fasern werden parallel ausgerichtet und dann gemeinsam verdreht. Der so entstandene Faden erhält dadurch eine deutlich höhere Reißfestigkeit. Neben der Anwendung in Textilen findet man dieses Prinzip der parallel ausgerichteten, gebündelten Fasern auch in Bauwesen bei Stahlseilen, wobei diese natürlich noch zusätzlich miteinander verbunden werden. Bei Textilfasern sorgen z.B. Schuppen auf der Haaroberfläche dafür, das die verdrehten Fasern aneinanderheften. Wenn die Fasern sehr kurz sind, wie z.B. bei Baumwolle, dann reicht diese Reibung zwischen den Oberflächen der Haare nicht aus. Solche Fasern müssen daher sehr stark (und schnell) verdreht werden, damit der Faden hält. Zusätzlich können noch mehrere dieser verdrehten Garne miteinander verzwirnt werden.

 

Papiergarn hingegen hat diese parallele Ausrichtung der Fasern nicht, obwohl es ebenfalls aus Bastfasern besteht: Zunächst wird Papier hergestellt, in Japan traditionell aus Bastfasern des Papierbaums oder des Papiermaulbeerbaums. Der so entstandene Papierbogen wird in lange Streifen geschnitten, welche verdreht und ggf. verzwirnt werden. 

 

Für die Hüte habe ich das Garn Washi von Ito doppelt genommen, sonst ist es zu fein. Wenn man es mit einem Faden Wolle verarbeitet, eignet es sich auch für Kleidung, ich habe zwei Fäden des gleichen Papiergarns genommen, dann ist es weich aber robust genug für Hüte. Um der Krempe etwas mehr Stand zu verleihen, habe ich am unteren Rand einen Faden Papiergarn mit umhäkelt und dann etwas daran gezogen. Beim gewünschten Stand dann festnähen. Hutmacher-Draht ginge natürlich auch, das mag ich bei so weichen Hüten allerdings nicht, denn ich möchte meine Hüte in meine Tasche packen können, bei Draht gäbe das unschöne Knicke.

Prinzipiell häkelt es sich sehr gut damit, allerdings neigt es noch mehr als Woll- oder Baumwollgarne zum splitten, und zwar genau zwischen den beiden verzwirnten Fäden. Ist ja auch logisch, da ist nichts, was sich verfilzen könnte. Ein bisschen aufpassen muss man also, aber es lässt sich ansonsten sehr schön verarbeiten.

 

So, und jetzt nochmal schnell in die schöne Spätsommer-Sonne, hier noch etwas Lesestoff:

 

Virginia Postrel: The Fabric of civilization, Basic Books, ISBN 978-1-5416-1762-9

 

Und zum Stöbern:

Materialarchiv

 

 

Eure Anne Sophie

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